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Schleier 15.08.09

Etwas ist falsch. Ich habe es gefühlt. Von dem Moment an, in dem man von Schlaf in die Welt gleitet. Erst bloß ein flaues Gefühl im Magen. Ich habe versucht, es zu ignorieren. Steh auf. Geh ins Bad. Putz deine Zähne. Frühstück. Die Milch plätschert ins Müsli, aber selbst mit ihr scheint etwas falsch zu sein. In Eile. Der Bus kommt gleich. Also stehe ich auf. Schleppend ist der Weg durch den dunklen Flur zur Haustür. Ich hatte diesen Weg irgendwie kürzer in Erinnerung. Als ich dann aus der Tür bin, fällt mir ein, ich sollte abschließen. Ich muss immer abschließen. Ich betrachte den Himmel, im Grunde ist es ein normaler Himmel, ja sogar ein blauer Himmel. Die Morgensonne scheint sanft durch die Tannenzweige, die den kleinen Pfad durch den Vorgarten überdachen. Es ist eigentlich alles wie fast immer, nur das eben irgendetwas nicht stimmt. Irgendwas stimmt nicht mit der Milch, mit der Sonne, irgendwas stimmt nicht mit dem Tag. Ich versuche es nicht rein zu lassen, ich schließe ab, weil ich immer abschließe. Doch es kriecht trotzdem herein. Wie ein unsichtbarer Nebel unter der Tür hindurch. Abschließen hilft nicht. Ich laufe zur Bushaltestelle, schneller als sonst. Auch die Bushaltestelle sieht aus wie immer. Die Holzbank mit den roten Lack, der schon seit Jahren bröckelt und irgendwann ganz verschwunden sein wird.. Daneben die grüne Mülltonne, an der offensichtlich schon mehrere Leute ihre Wut ausgelassen haben. Das Plastik glänzt in der Sonne, trotz des Nebels. Auch das scheint nicht richtig. Ich hoffe, dass der Bus möglichst schnell kommt. Ich habe die Hoffnung, dass das flaue Gefühl im Magen weg sein wird, wenn ich erstmal in den Bus eingestiegen bin. Und dann höre ich das Geräusch der Motorbremse. Der Bus kommt. Mit dem Bus scheint alles richtig zu sein. Die Farben stimmten, die Form auch. Zugegebenermaßen, da ist dieser Nebel, aber das muss ja nicht heißen, dass die Luft im Bus nicht klar ist. Wieder die Bremsen. Ich mache einen Schritt nach vorne und der Bus hält genau vor mir. Die Tür öffnet sich, nur für mich. Ich schaue nach unten und mache einen großen Schritt auf die schwarze Stufe mit dem gelben Signalstreifen darauf. Ich laufe weiter, den Blick auf dem Boden, denn ich will einen Rücksitz. Aus einem unerklärlichen Grund wage ich es noch immer nicht aufzuschauen. Also gehe ich den gang durch bis ans Ende des Buses mit den Augen auf meine Füße gerichtet. Bloß niemanden anschauen. Ich setzte mich. Frauenschuhe sitzen gegenüber. Langsam lasse ich den Blick nach oben gleiten. Strumpfhosen, ein schwarzer Rock, ein Blazer mit einer weißen Bluse darunter. „Buisinesswoman…“, denke ich. Beim hals angekommen zögere ich. Ich habe Angst. Angst, was im Gesicht dieser Frau sein wird. Unerklärlicher Weise sogar das bange Gefühl, dass dort vielleicht auch nur der Nebel ist. Ich zögere, höre einen Moment nur auf meinen Atem und meinen hämmernden Pulsschlag. Ich kann das Blut in meinen Ohren rauschen hören, als würde der Nebel jegliches Geräusch von mir abschirmen. Wie taub. Doch dann fasse ich mir ein Herz. Ich schaue auf. Die Frau lächelt. Der Nebel ist weg.



Lüge,Lüge! 5.10.08

Die Augen, starr auf dem Tisch gerichtet, füllen sich langsam mit Tränen. Das unerträgliche Gefühl richtet den Blick in die Leere. Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Ich will es vertreiben, es jagen und erlegen, auf das es nie wieder zurück kommt. Nicht zu dir, nicht zu mir. Aber alles was ich fertig bringe, ist das Gefühl in einen Ecke zu drängen. Wie ein wildes Tier. Doch wie ein wildes Tier, das sich eingekesselt fühlt fängt auch das Gefühl früher oder später an um sich zu schlagen, zu beißen und zu toben. Es tobt vor Wut, vor Wut nicht beachtet zu werden. Was ich also mache, das Gefühl ist. Es belagert dich wie mich. Wenn ich könnte, würde ich dich davor schützen. Ein Gefangener reicht doch eigentlich. Doch ich kann nicht. Es ist dein Gefühl, es lässt sich nicht von mir fangen. Wie kann ich dir klarmachen, dass es nur ein Gefühl ist, nichts weiter? Wie kann ich dir klarmachen, dass es dich nur jagen wird, wenn du davor wegläufst? Wie kann ich dir klarmachen, dass eigentlich alles gut ist? Ich glaube es ja selbst die meiste Zeit nicht. Ich höre mich selbst, wie ich auf die einreden, in der Hoffnung dir zu helfen oder dich den Schmerz wenigstens kurz vergessen zu lassen. Ich versuche dich das Schöne sehen zu lassen, das von dem ich sicher bin, dass es da ist. Für dich ist es da, irgendwo. Nur sehen kann ich es selber nicht. Nicht für mich. Alles was ich predige hat keinen Wert für mich. Lüge, Lüge! Für mich wird es nur eine Lüge. Und dann stehe ich wieder vor dem Nichts.


19.9.08 Die Abwesenheit von Licht

ich wage es nicht mich umzudrehen. Ich spüre es atmen. Irgendwas ist hinter mit. Es bläßt einen hauch kühler Luft in meinen Nacken, in langsamen, regelmäßigen stößen, sodass sich die feinen Härchen auf meiner haut aufrichten. „Das bildest du dir nur ein“, versuche ich mich selbst zu überzeugen. Nervös schaue ich umher aber umdrehen kann ich mich nicht. Ich sitze im Licht, kann allerdings nicht sehr weit sehen denn um mich herum ist Schatten. Mit der Distanz wird es immer dunkler, dort hinten wird erst alles grau und verschwimmt schließlich zu einer wabernden schwarzen Masse. Hinter mir raschelt es. Immer wieder. Als ich es nicht mehr ignorieren kann, erfasst mich Panik. Die Art von Panik, die ein kopfloses Fluchtgefühl auslöst. Irgendwann bin ich dem Reflex dann nicht mehr gewachsen, ich stehe auf und fange an zu laufen. Erst ganz langsam und mit tastendem Schritt, dann immer schneller. Ich renn lieber auf das schwarze zu als mich umzudrehen. Doch es hilft nicht, das Ding folgt mir. Ich kann die Kälte Spüren. Ich sehe nicht mal wo ich hinlaufe, ich bleibe im Licht, aber der Horizont bleibt in einen schwarzen Schleier gehüllt. Egal wie schnell ich laufe, vor mir taucht nichts aus dem schwarzen auf, denn das Licht um mich hat nur einen bestimmten Radius und der bewegt sich mit mir. Es ist als ob ich auf der Stelle laufe, manchmal vergesse ich sogar für einen Moment, warum ich laufe, aber dann fällt es mir wieder ein. Schleichend wird mein Atem immer schwerer. Während ich hastig über den mit Steinen gepflasterten Weg stolpere, merke ich, wie meine Kraft langsam schwindet. Gedanken ans Aufgeben. Ich weiß nicht, wie weit ich gelaufen bin, ich weiß nur es ist zu weit. Dann ist er da. Der Punkt, an dem ich aufgebe. Soll es mich doch kriegen, denke ich. Also bleibe ich stehen. Prustend und auf meine eigenen Knie gestützt starre ich auf den Boden. Ich warte kurz und lausche in das Nichts. Dann, als ich grade denke, ich könnte es eventuell abgehängt haben, spüre ich ihn wieder, den eisigen Luftzug zwischen meinen Schulterblättern. Es schmerzt fast, ganz so als ob der kühle Hauch bis zu meinen Knochen vordringt. Es ist da, egal wie schnell ich laufe. Und laufen kann ich auch gar nicht mehr. Meine Füße sind schon zu zerschunden und jeder meiner Muskeln schmerzt. So fasse ich einen Entschluss. Ich muss es sehen, ich muss mich umdrehen. Einmal entschlossen, scheint alles klar, ich halte noch einmal inne, nur für einen Moment, nur um das Atmen noch mal zu belauschen. Genug! Es wird nicht weggehen. So drehe ich mich um, ganz plötzlich wirble ich herum, darauf vorbereitet es abzuwehren. Ich bin auf alles vorbereitet, nur nicht auf das. Erschrocken starre ich in die leere Luft vor mir. Das Es, vor dem ich solche Angst hatte, vor dem ich geflohen bin, gerannt bin soweit ich konnte ist die eine Sache die immer bei mir sein wird. Nichts als mein Schatten. Nur der Bereich, den mein Körper vom Licht abschirmt. Die Abwesenheit von Licht.




„Eigentlich super“

Es muss sicher herausfordernd sein, das etwa vierzigtausenddreihundertfünfunddreißigste Ensemble zu sein, das die „Dreigroschenoper“ aufführt. Man spielt wohl meist vor einer ungünstigen Mischung aus Teenagern, von denen geschätzte 80% von motivierten Lehrern an Ketten ins Theater geschleift werden mussten, und Theater-Spezialisten, die nach vierzigtausenddreihundertfünfunddreißig Interpretationen des bevorstehenden Stücks ein wenig schwer zu beeindrucken sein dürften. Allerdings kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass das Publikum, das im Falle dieser von Andre Wilms zusammengestellten Aufführung im Frankfurter Schauspielhaus wohl einen besonders kleinen Post-Pubertären Anteil vorzuweisen hatte, wohl das unerfreulichste an diesem Abend war. Auch wenn dass eine Gruppe Mädchen mit identischen, ganz offensichtlich Amy Winehouse nachempfundenen Frisuren nicht zu würdigen wusste und leider ständig während dem Stück aus dem Saal stöckeln musste, würde ich die Aufführung doch als sehr gelungen bezeichnen. Zugegeben, der kleine Junge in Sweatshirt, der bei dem eröffnenden Gesang schlichtweg den Text vergaß wirkte etwas deplatziert, angesichts der hervorragenden Leistungen seiner Schauspielkollegen rückte dies aber schnell in den Hintergrund. Es wurde nur besser. Mich und auch die Zuschauer am meisten überzeugt hat wohl, was ich an mehrmaligem vergnügtem Quietschen aus verschiedenen Ecken und ausgiebigem Applaus am Ende festmache, Karina Neuhäuser in der Rolle der Frau Peachum. Ich muss hier verkünden, dass ich mir keinen Betrunkenen, den ich je gesehen habe, überzeugender in den Rolle Pollys versoffener Mutter vorstellen kann. Sie ist so authentisch und gleichzeitig witzig, dass sich der Gedanke aufdrängt, sie müsse wohl für eine Woche jeglichen Wasserkontakt gegen Whisky ausgetauscht haben, nur um sich auf die Rolle vorzubereiten. Aber auch die restliche Besetzung ist nicht zu verachten. Wolfram Koch ist ein Parade Macheath und Ivon Jansen die als Seeräuber-jenny eher als Double von Uma Thurman in Pulp Fiction rüberkommt setzt dem Ensemble das Sahnehäubchen auf. Auch den Regisseur kann man nur loben, denn mit einem geschickt gestaltetem Bühnenbild und der subtilen Einflechtung von aktuellen Bezügen, einer von Mcheaths zwielichtigen Gestalten nennt sich zum Beispiel „Banken-Ackermann“, unterhält er die Zuschauer vom feinsten. Eventuell hätte man sich im für Brecht typischen Gewirr von atonalen Melodien, die übrigens von einem hervorragenden Orchester hervorgebrahct wurden, eine einzige herausragende Singstimme gewünscht. Vermisst hat man sie aber nicht besonders. Alles in allem kann man wohl auch für diese Aufführung der „Dreigroschenoper“ die Worte der sympathisch alkoholisierten Frau Peachum gebrauchen: “Eigentlich Super!“



Überfluss

Träume die in Asche liegen,
LSD-Kinder können doch nicht fliegen.
Der Freier fickt ihr Leben.
Die weißen Tauben haben sich ergeben.
Kleine Jungen mit Macheten,
Die fröhlich dafür beten,
Dass die Bombe dem anderen den Kopf zerfetzt.
Dem Säugling haben sie den Mund verätzt
Der Samariter lässt den Kranken sterben,
Muss überflüssige Notwendigkeiten erwerben.
Die Wahrheit malt Lügen in die Luft
Die Menschheit steigt in ihre Gruft.
Festgefroren an deiner kalten Hand
an der ich das Wir nicht fand,
Meine Idole setzten sich den goldenen Schuss
In einem Leben in leerem Überfluss.



Nebelwand

Im Nebel steh ich auf dem Steg
Und suche immer noch den lichten Weg
Um mich rum der weiße Geist,
Der sich an meinem Verstande speist

Ich suche nach einen Schwert aus Licht,
Das des Nebel Schild zerbricht.
Ich hab doch nur meine kalte Hand,
So schlag ich in die dunkle Wand

Die Hand zersplittert an der Mauer
Ich kann es trotzdem nicht vergessen
Ewig bin ich auf der Lauer

Die Dunkelheit hat mich geblendet
Mich völlig leer gefressen,
Mein Licht entwendet.


Fünf Euro Fünfundsiebzig

Ich bin wirklich nicht sonderlich schlecht auf Montage zu sprechen, jedenfalls nicht schlechter als auf Dienstage, Mittwoche, Donnerstage oder Freitage. Aber gegen diesen ganz bestimmten, Montag den 17. September, hege ich einen, auf erschreckende Weise starken, Groll. Das Problem war nicht, dass ich mich morgens mühsam aus dem Bett quälen musste. Auch mit den völlig überflüssigen Bahnfahrt nach Frankfurt (Warum leiste ich mir denn den Luxus eines Autos? Damit ich nicht mit dem über Handylautsprecher Fäkalsprachenmusik hörendem Nachwuchsdeutschland und einen unangenehm riechendem Bahnabteil sitzen muss, oder?), die nebenbei gesagt ganze 2,75 Euro gekostet hat, wäre ich klar gekommen. Ich habe zunächst sogar davon abgesehen, aus Protest gegen die kapitalistische Preispolitik der Bahn schwarz zu fahren (Das überlasse ich dann doch lieber den Menschen mit den bunten Haaren und den auftätowierten Anarchie-Zeichen). Ja selbst die drei Euro Eintritt für einen Ausstellungsraum im Goethehaus, der vermutlich kaum so groß war wie mein Wohnzimmer (gefühlt zumindest), wären zu entbehren gewesen. Anfänglich versuchte ich noch, mir gute Laune zuzureden. So eine Faustausstellung könnte sich bereichernd sein, dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch. In meinem Köpfchen applaudierte ich sogar für das Fehlen einer Führung durch das „normale“ Goethehaus, als echte Frankfurterin wurde mir dieses Vergnügen nämlichen schon unzählige Male zu Teil, da sich jeder meiner , wirklich sehr engagierten, Deutschlehrerinnen wohl gedacht hatte „Das haben die Kinder bestimmt noch nicht gesehen“.
Nun gut, um 5,75 Euro erleichtert setzte ich mich also auf die hübschen Plastikstühle, um mich von einer Frau begrüßen zu lassen, die mich gefährlich an eine meiner früheren Kunstlehrerinnen erinnerte, nur dass, nennen wir sie Regina, noch eine gewisse Ähnlichkeit mit Prinz Eisenherz hatte. Sie merken schon, meine Laune hatte sie recht schnell auf eine Talfahrt in Richtung Gefrierpunkt begeben. Regina fing nun an Arbeitsaufträge an verschiedenen Gruppen zu verteilen. Ich persönlich nenne diese sicher gut gemeinte Arbeitsmethode „hyperpädagogisches selbstständiges Kreativlernen“, und dass ich dieses verabscheue, versteht sich vermutlich von selbst. Das Ziel war wohl, dass wir uns am Ende selbst eine Führung durch die Ausstellung geben. Der Dumme lehrt den Dümmeren, fabelhafte Strategie! Und die Ausstellung, ja die Ausstellung. Nur eins kann diesem Spektakel gerecht werden: „Augenblick verweile doch….BITTE NICHT“. Vielleicht lag es daran, dass alles, was ich beim ersten Betrachten im Deutschunterricht noch irgendwie als interessant einstufen konnte, mich hier plötzlich tödlich langweilte, weil ich alles schon mal gehört hatte. Vielleicht hätte Regina, hätte sie uns mit ihrem sicherlich irgendwo vorhandenen Hintergrundwissen beglückt, die ganze Farce ein wenig aufwerten können. Aber so war die ganze Geschichte eher überflüssig, da schlichtweg der Aha-Effekt neuer Informationen fehlte und spätestens als meine Tischnachbarinnen anfingen sich aus völliger Verzweiflung , da bin ich mir sicher, über männliche Geschlechtsteile zu unterhalten, fing ich an mir zu überlegen, was ich alles mit 5,75 Euro hätte machen können. Ein gutes Buch, das wäre im Sinne des Deutschunterrichts gewesen. Etwas Leckeres zu essen, das wäre im Sinne meines knurrenden Magens gewesen. Oder noch besser spenden, schließlich kann so ein afrikanisches Kind von so viel Geld sicher einen Monat essen, das wäre dann sogar im Sinne der weltübergreifenden Gerechtigkeit gewesen. Jedenfalls wäre es besser gewesen als vier Stunden dafür zu verwenden, sich Dinge über Faust anzuhören, die man schon verinnerlicht hat. Und was ich mir den vier verschwendeten Stunden hätte anfangen können, darüber werde ich jetzt nicht mehr sinnieren.


Der Krieg kommt in Deichmann Schuhen

Montag Abend 8 Uhr, nach einem langen Schultag und einer halsbrecherischen Fahrt mit gewissen Freundinnen in einem Mini, sitze, nein hänge ich mehr oder weniger erwartungsvoll in meinem Stuhl in einem Saal des Frankfurter Schauspielhauses. Aufgeführt wird heute die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller, inszeniert von Simone Blattner und Jan Hein. Mich erwartet also die Geschichte einer jungen Frau, die ihren irdischen Gelüsten abschwört um für Frankreich in den Krieg zu ziehen, wo sie als Anführerin des Heeres die Engländer besiegt. Doch Johanna, es war kaum anders zu erwarten, verliebte sich in den Englischen Offizier Lionel und verschont ihn, so schafft sie es nun beide Parteien gegen sich aufzubringen und sich zudem auch noch selbst in einen Zwiespalt zu bringen. Zunächst, dachte ich um ehrlich zu sein eher an schlafen, als an das Stück, weil meine Augen jeden Moment zuzufallen drohten, doch meine Erwartungen sollten deutlich übertroffen werden. Die Umsetzung des Stückes war, fast ohne Requisiten und Bühnenbild, recht spartanisch gehalten. Auch in der Kostümierung hielt man farblich sich doch deutlich gedeckt. Dass einige Darsteller Turnschuhe von Deichmann trugen, war dann doch auf eine gewisse Art recht befremdlich, denn in Kombination mit Leggins und Kettenhemden, konnte man nicht erahnen ob das nun Absicht oder nur ein klassischer Fall von „gewollt und nicht gekonnt“ ist. Glücklicher Weise konnten die deutlichen optischen Defizite durch, die meiner Meinung nach hervorragende, Leistung einiger Schauspieler ausgeglichen werden. Besonders überzeugend fand ich Cornelia Kempers, Königin Isabeau, die mich durch ihr ausdrucksstarkes Gesicht überzeugte. Weiterhin begeisterte mich Joachim Nimtz, der König, mit einer Sprechstimme, der man einfach zuhören möchte. Faszinierend fand ich außerdem Andreas Haase, einen kahlköpfigen Schauspieler der mit einer unglaublichen Energie und Inbrunst seine Rolle verkörperte. Leider kann ich nicht mehr genau sagen welche Rolle das war, womit ich beim zweiten Aspekt eingekommen bin, den ich an der Inszenierung bemängeln muss, die Unübersichtlichkeit, die teilweise das Verständnis beeinträchtigen konnte, wenn man das Drama nicht gelesen hatte. Der wichtige Teil der Handlung wurde jedoch klar und unverfälscht dargestellt, wobei es ein wenig dauerte, bis es beim Ende „klick“ machte. Als besonders gelungen habe ich die musikalische Untermalung des Stückes empfunden, da alle Stimmen, Laute und Melodien a Kapella von dem ganzen Ensemble gesungen wurden und es tatsächlich gelang mit der Musik eine mystische Atmosphäre zu kreieren, welche eine Wohltat für die Ohren war. Abschließend kann ich also sagen, dass es sich hier wohl um ein wenig spektakuläres, aber trotz allem ein äußerst sehenswertes Stück handelt.
(Denn schließlich habe ich zu meiner eigenen Verwunderung das gesamte Stück aufmerksam verfolgt, ohne auch nur einmal einzunicken)
 

Im Inneren der Insel

Sie ist nicht wie die anderen, denn mit der Erde weit unter ihr hat sie keine Verbindung. Sie treibt nur so völlig haltlos in den mächtigen Weiten des Ozeans. Wie eine stumme Festung ragt sie aus den Wellen, ihre Felsen zu einem scheinbar undurchdringlichen Schutzschild formiert. Es gibt wenig Leben auf der ihr, denn die unwirkliche Wüste aus grauem Geröll hat sie alle abgeschreckt und offenbar vertrieben. Viele Seefahrer hat die Insel schon vorbeiziehen sehn, manche haben es sogar gewagt ihr einen Besuch abzustatten. Vorsichtig setzten sie dann einen Fuß nach dem anderen an den fast verräterisch ruhig wirkenden Sandstrand, konnten sie sich doch nicht ausmalen, was sie dort erwarten könnte. Sie haben sich umgeschaut, meist nur halbherzig, denn außer ein paar einsam dastehenden Palmen und der, wie ein schwarzer Wächter über dem Strand thronenden ,Felsenburg schien die Insel tot zu sein. So gingen die Seefahrer wieder. Alle von ihnen. Und keiner konnte die verzweifelten und wütenden Schreie hören, die die Insel den Abreisenden hinterher warf. Denn tot ist sie keinesfalls. Hinter all den Schichten aus Gestein, fast, aber eben nur fast, unerreichbar im Inneren des Grauen Ungetüms leben wohlbehütet Menschen, wenn auch nur einige wenige. Dort sind sie geborgen und gewärmt, denn ein Strom heißer Lava schützt sie vor all der Kälte, die sie außerhalb dieses Ortes erwartet, und spendet ihnen Energie. Hat ein Mensch den weiten, beschwerlichen Gang gewagt und ist den ganze Weg vom einsamen Strand, durch die Steinwüste bis zur Höhle im Inneren der Insel vorgedrungen, brauch er nichts mehr zu fürchten, denn so lang der Feuerstrom fließt, wird er ihm treue Dienste leisten. Und so treibt die Insel weiter. Doch Unberührt bleibt sie allerdings nicht. Jede noch so kleine Welle, die unschuldig ihre Brandung auf den Strand wirft und jeder Seefahrer, der die Insel enttäuscht wieder verlässt, weil er nicht sehen konnte, was sich in ihr verbirgt, reißt einen kleinen Teil von ihr zurück in die Fluten, und jedes mal, wenn ein winziges Stück der Insel wegbricht stößt sie einen stummen Schmerzensschrei aus. Glücklich sind die, die diesen nicht hören können. So wird nach und nach zuerst der Sandstrand verschwinden, danach werden die Wellen langsam aber stetig das Gestein aushöhlen und schließlich den heißen Kern erreichen. So werden die kalten Wellen auf den glühenden Strom treffen, sodass er zu Stein erstarren muss. Und mit ihm werden auch die Menschen sterben, werden sie doch völlig unvorbereitet sein und nichts getan, um ihren Berg zu schützen.
Dann wird es kalt und die Insel wirklich tot sein.